Tinker Horse and Irish Cob

die unendliche Geschichte einer Odysee

Irgendwann so gegen Mitte/ Ende der 80er Jahre tauchten die ersten Ihrer Art auf dem europäischen Festland und in Deutschland auf.
Um was es sich bei diesen Tieren handelt, wußte Niemand und einen Namen hatten sie alle nicht. Rasse unbekannt, Herkunft Irland. Friesenschecken? Zu klein geratene bunte Shire Horses? Irgendein Kaltblut-Pony- Mix? Egal. Sie waren bunt, genügsam, günstigund vor allem - anders. Damit konnte manein Geschäft machen. Denn gerade in Deutschland, dem Land mit dem weltweit höchsten Anteil an Fremdrassen,war und ist alles was irgendwie anders ist, ein Kaufargument.
In den 90er Jahren dann begann die einmalige Erfolgsstory der bunten Iren. Wer es war, der den Ausdruck "Tinker" für diese Pferde prägte ist nicht mehr nachzuvollziehen, aber dieser Mensch verhalf dem ersten Run zum Startschuß. Von da an, war ihr Siegeszug durch Deutschland, Europa und die Welt nicht mehr zu stoppen. Als "Irish Tinker" und "Tinkerpony" fanden sie Zugang zu den Herzen der Pferdeliebhaber, etablierten sich in den Zuchtverbänden und führten zu einer bis dahin nicht gekannten Mitteilungsfreude ihrer Besitzer.

Mit dem Einzug in dieZuchtverbände tat sich dann aber ein erstes Problem auf. Weder in Irland noch England hatten diese Pferde, deren "Erfinder" sich selber Traveller (das fahrende Volk) nennen und von der Mittelstandsbevölkerung eher abfällig als Tinkerpeople (Kesselflicker, Zigeuner) betitelt wurden, je eine Lobby. Es gab kein Zuchtbuch, kein Zuchtziel, keine Rassebeschreibung und schon gar niemanden, der sich dafür interessiert hätte, was mit diesen Tieren im Ausland passiert. Ausser den Travellern selber, die sehr genau darüber informiert waren es aber aus vielerlei Gründen für sich behielten, wußte man nur das was man vor sich sah. Und je mehr "Puschelfüße" sich in Deutschland und anderswo tummelten, umso größer wurde die Anzahl an Anektdoten, Geschichten und Vermutungen über ihre Herkunft, darüber wie sie wohl entstanden sein könnten und was alles drin sein könnte in so einem Tinkerpferd. Genaues aber wußte wie gesagt Niemand. Also wurde das was auf den Zuchtschauen in Deutschland vorgestellt wurde eben zum deutschen Standart erklärt und die Tinker wurden als "Pferdetyp" bei Schecken oder Spezialrassen geführt. Wie gesagt: als Typ. Also ein Typ Pferd, das meistens Rappschecke ist (damals galten die Einfarbigen Tiere tatsächlich oft als "Fehlfarbe"), mehr oder weniger viele Haare an den Beinen hat, eigentlich einen ziemlich schlechten Körperbau für ein Reitpferdund einen eher phlegmatischen Charakter. Das ganze noch in einer unfassbaren Bandbreite an Varianten und Größen. Wobei das Idealmaß bei rund 1,45m Stm. angelegt wurde und deshalb lange Zeit auch vom "Tinkerpony" die Rede war. In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war es dann soweit. Der Tinker wurde in Deutschland als Zuchtpferderasse anerkannt und war nun Gleichzusetzen mit all den anderen "Spezialrassen" die sich in Deutschland tummeln, aber woanders ihren Ursprung haben.Nach wie vor gab es aber in den Ursprungszuchtgebieten keine Vorgaben, woran sich ein anderes Land hätte orientieren müßen; so wie es z.B. bei den Isländern, den Friesen, den Norwegern, den Andalusiern, Haflingern usw. ist. Das führte zu der wohl einzigartigen Vorgehensweise, dass jedes Land weltweit in der Lage war, ein eigenes "Ursprungszuchtbuch" für diese Pferde zu definieren und genehmigen zu lassen. Es gibt also deshalb einen deutschen Tinker, einen holländischen, einen französischen...usw.
Während all dieser Irrungen und Wirrungen auf dem europäischen Festland wurden auch in Irland immer mehr Stimmen laut, die sich dagegen verwehrten alles vom Kuchen den anderen zu überlassen. Längst hatten findige Züchter den Markt entdeckt und sich auch in Irland Menschen zusammengefunden, die sich für diese Pferde begeisterten. Wer anders als die Iren selber sollte da schließlich am besten bescheid wissen. Ok, die Traveller selber wurden daran nicht wirklich beteiligt und so kam es, dass "nach eingehender Recherche" in Irland der "Irish Cob" kreiert wurde. Dieser wurde werbewirksam als der "Ursprung" aller Tinkerpferde bezeichnet und erfolgreich vermarktet. Dies führte naturgemäß nun zu größeren Verwicklungen und Verwirrungen überall in Europa, denn ob so ein Travellerpferd als Tinker tituliert wurde oder der Ehre anheim fiel ein "echter" Irish Cob zu sein, konnte evtl. entscheidende Vor-oder Nachteile bedeuten. Was bislang einfach normal war, nämlich seinen Tinker als Tinker zu bezeichnen und stolz zu sein auf sein Pferd, wurde nicht nur zur Glaubensfrage, sondern gar zum Gradmesser für die political correctnes jedes Besitzers hochstilisiert. Witziger Weise war aber zu diesem Zeitpunkt für jeden Traveller der mit seinen Pferden handelte, der Begriff "Tinkerpferd" längst ein gebräuchlicher und keineswegs negativ besetzter Begriff, während der Ausdruck "Irish Cob" eher zu ratlosem Stirnrunzeln führte. Ein "Irish Cob" war schließlich immer schon etwas völlig anderes. Nämlich ein Sportpferd im Cob Typ das eben aus Irland stammt.
Aber da war auch bereits der Irish Cob unterwegs um seinen Siegeszug anzutreten; als die neue Elite und der wahre Ursprung all der "Kraut und Rüben Tinkertiere", die seit vielen Jahren das Festland bevölkerten.

Das dumme war nur, niemand konnte genau sagen was denn nun der Unterschied zwischen einem Tinker und einem Irish Cob ist. Das lag und liegt bis heute schlicht im Auge des Betrachters; bzw. des Zuchtverbandes mit den jeweiligen Richtergremien. Und das bedeutet im Klartext: es ist eine rein politische Entscheidung.
Diejenigen Zuchtverbände, die von Anfang an diese Pferde betreut hatten und schließlich als Tinker in ihre Zuchtprogramme integrierten, hatten keinerlei Interesse daran sich einem Rassestandart oder einer Zuchtzielbeschreibung zu beugen, die eine völlig anders genannte Rasse beschreibt. Die Organisationen wiederum, die sich den Irish Cob auf die Fahnen schrieben, sahen das genauso; nur eben von der anderen Seite. Wen kümmert da schon die Verwirrung der Züchter und Besitzer, wenn es um Geld und Macht und Renomee geht. Alle waren zuchtrechtlich gesehen im Recht und damit die Fronten geklärt.

Das nächste Kapitel in der Geschichte der Travellerpferde war dann der offene Krieg um die Macht über den Irish Cob. Zeitgleich begann in Europa ein deutsch-holländischer Gemeinschaftsschachzug zweier Zuchtverbände. Plötzlich war das Ursprungszuchtbuch für den Irish Cob nicht mehr in Irland, sondern ...in Deutschland. ?? Dann wurde in der Folgezeitder sogenannte "Irish Cob Crossbred" als Rasse zur Genehmigung eingereicht, der es fortan ermöglichen sollte, zusätzlich jedes Pferd egal welchen Aussehens zum Rassetier zu erklären, solange es einen kleinen Teil Irish Cob Blut führte.
Selbst der Name Irish Cob sollte nur mehr gegen Zahlung von Lizenzgebühren verwendet werden dürfen.
Wer bis dahin noch glaubte, er hätte einen Überblick über das was rund um die Tinkerpferde so passiert, konnte nun nurmehr mit den Schultern zucken und mit den Augen rollen. Das völlige Chaos in Deutschland und Europa machte jegliche vernünftige Zuchtentwicklung, Zuchtplanung oder Erhaltung der Eigenschaften der Tinkerpferde endgültig zur Farce.
Wie sieht es heute aus?
Tatsache ist, dass jeder Besitzer und Züchter seine Tiere mittlerweile nennt wie er will und sich der Ausdruck Irish Cob etabliert hat für Tinkerpferde die kompakt gebaut sind und deutlich sichtbaren Kötenbehang haben (unabhängig davon ob sie nun Papiere als Tinker oder Irish Cob haben oder gar keine) Der Begriff "Irish Cob Crossbred"ist imSprachgebrauch völlig bedeutungslos. Die eine Hälfte der Tinkerzüchter wartet auf bessere Zeiten und eine endgültige Lösung, die andere arrangiert sich mit der Notwendigkeit, irgendwo Mitglied sein zu müßen um Papiere ausgestellt zu bekommen. Will man seinen Kunden Service bieten, muß man nun gar in zwei Zuchtverbänden Mitglied sein; denn es gibt soviele Tinker wie es Irish Cobs gibt. Immer mehr Besitzer und Züchterwenden deshalb enttäuscht der kompletten Thematik den Rücken und gehen eigene Wege. Weder diese Pferde noch ihre Besitzer lassen sich in ein fremdbestimmtes Schema pressen.
Noch immer weiß man nichts genaues über diese Rasse, wie sie entstanden ist, ob es sich bei Tinkern und Irish Cobs nun um zwei unterschiedliche Rassen handelt oder nicht, wie man die ursprünglichen Eigenschaften der Rasse erhalten kann, wohin der ganze Kötenbehang verschwindet, warum sie immer öfter mit Krankheiten zu kämpfen haben und immer empfindlicher werden geschweige denn, wo das alles hinführen soll.
Die Tinkerpferde, egal wie man sie nennt, sind derweil längst fester Bestandteil der Rassevielfalt in Deutschland, die Preise sind mittlerweile Meilenweit vom "günstigen Allzeitbereitfreizeithoppler" früher Jahre entfernt und selbst im Reit- und Fahrsport , wo sie ja nun nicht wirklich Zuhause sind, trifft man sie immer öfter in allen Sparten an. Immer häufiger trifft man dabei allerdings auch auf eine Sorte Tinker, die mehr Ähnlichkeit mit einem Reitponymischling oder einem Barockpinto-zuchtversuch hat. Die Rasse scheint sich langsam in ihre Bestandteile aufzulösen, je länger sie fernab von wirklichen Erkenntnissen hierzulande nachgezüchtet wird.

Das Bild das man vom Tinker hat, fängt an sich tiefgreifend zu verändern. Weg vom rundrum mit Haaren und Farben übersähten, knuddeligen, freundlichen einmaligen Verlaßpferd, hin zum angepassten hyperaktiven Sportreitpferd mit barockem Touch. Wer sich damit befasst, wie die Entwicklung anderer Pferderassen in Deutschland verlief , beurteilt diese Tendenz vielleicht mit wachsamerem Auge.Nach dem Arabo-Haflinger, dem Hochleistungsrenntölter - und Passer Islandpferd, dem Dressur- und dem Arabo -Friesen, dem Quarab (Quarterhorse-Araber) , dem Reitpony-Edel-Lewitzer, dem Partbred-Shettland....uva. ist Deutschland im Begriff wieder eine Rasse engültig zu "integrieren". Letztendlich sind es jedoch immer die Besitzer, die Käufer und Züchter, die darüber entscheiden wohin der Weg führt. Denn das was vermehrt gekauft wird, wird gezielt produziert.